#Tag 735



Was ist eigentlich schwerer?
Manchmal frage ich mich das.
Gegen eine Sucht anzukämpfen.
Oder einen Schmerz auszuhalten, den man nicht einfach wegmachen kann.

Ich kenne beides.

Ich kenne das Gefühl, wenn es im Inneren so unerträglich wird, dass man nur noch eines möchte: dass es aufhört.

Früher hatte ich dafür meine Wege.

Fressen.
Erbrechen.
Trinken.

Für einen Moment war da Erleichterung.
Und danach meistens noch mehr Schmerz.

Irgendwann habe ich angefangen, diesen Weg nicht mehr zu gehen.

Nicht, weil es plötzlich leicht war.

Sondern weil ich mich immer wieder für mich entschieden habe.

Heute kann ich traurig sein, enttäuscht sein, jemanden vermissen, mich nach Nähe sehnen – und ich muss mich dafür nicht mehr zerstören.

Aber manchmal merke ich:

Das bedeutet nicht, dass es immer leicht ist.

Manchmal gibt es Menschen, die einen auf eine ganz andere Art abhängig machen können.

Nicht durch eine Substanz.
Sondern durch Nähe und Distanz.
Durch Hoffnung.
Durch dieses Vielleicht.

Vielleicht meldet er sich.
Vielleicht sehen wir uns.
Vielleicht wird es irgendwann anders.
Vielleicht bin ich ihm doch wichtiger, als es gerade aussieht.

Und genau dieses Vielleicht kann unglaublich zermürbend sein.

Denn ein eindeutiges Nein tut weh.

Aber ein Vielleicht hält einen fest.

Heute habe ich wieder einmal gemerkt, wie sehr mich diese Ungewissheit erschöpft.

Ich habe gehofft.
Gewartet.
Gedacht.
Interpretiert.
Mich gefragt, ob ich zu viel war.
Ob ich etwas falsch gemacht habe.
Ob ich hätte anders sein müssen.

Und irgendwann war da nur noch Leere.

Früher hätte ich diese Leere nicht ausgehalten.

Heute liege ich im Bett, weine und schreibe darüber.

Das klingt vielleicht nicht nach einem großen Erfolg.

Für mich ist es einer.

Denn ich greife nicht mehr zu dem, was mich früher zerstört hat.

Ich muss den Schmerz nicht mehr wegkotzen.
Ich muss ihn nicht mehr wegtrinken.

Ich darf ihn fühlen.

Und vielleicht ist das gerade meine nächste Form von Heilung:

Nicht nur frei von meinen Süchten zu sein.
Sondern auch zu lernen, mich nicht mehr an etwas festzuhalten, das mich dauerhaft in Ungewissheit hält.
Ich weiß noch nicht, was ich daraus machen werde.

Aber ich weiß inzwischen:

Ich möchte mein Leben nicht mehr damit verbringen, darauf zu warten, dass jemand anderes entscheidet, welchen Platz ich darin haben darf.

Ich möchte lieben können, ohne mich dabei selbst zu verlieren.

Und vielleicht beginnt genau das heute.

Nicht mit einem großen Schlussstrich.

Sondern mit einem ganz kleinen Satz:

Ich bin traurig.
Ich hätte es mir anders gewünscht.
Und trotzdem bleibe ich bei mir. ❤️

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