Meine Erkenntnis aus über 20 Jahren Selbskasteiung
August 23, 2026
Das Leben schmecken
Ich beginne, meine Geschichte zu erzählen.
Nicht, weil sie zu Ende ist.
Sondern weil ich irgendwann angefangen habe, sie selbst zu schreiben.
Viele Jahre meines Lebens habe ich mit einer Essstörung gelebt.
Mit Bulimie.
Mit Sucht.
Mit Scham.
Mit Geheimnissen.
Mit Verlustangst.
Mit einem Körper, den ich bekämpft habe, obwohl er die ganze Zeit versucht hat, mich durch mein Leben zu tragen.
Mein Leben wurde immer kleiner.
Und irgendwann wurde der Wunsch größer, wieder hineinzupassen.
Nicht in eine Kleidergröße.
In mein eigenes Leben.
Also habe ich mich getraut hinzuschauen.
Dorthin, wo es weh tat.
Auf das, was ich so lange nicht sehen wollte.
Auf Gefühle, vor denen ich davongelaufen war.
Auf Geschichten, die ich tief in mir vergraben hatte.
Auf all das, was hinter der Bulimie lag.
Ich hatte keinen fertigen Plan.
Nur diesen einen Gedanken:
Ich möchte so nicht mehr leben.
Also bin ich losgegangen.
Langsam.
Manchmal zitternd.
Manchmal voller Hoffnung.
Manchmal mit Tränen.
Manchmal mit einem kleinen Schritt, der sich an diesem Tag wie ein riesiger anfühlte.
Ich habe gelernt, zu bleiben.
Bei einem Gefühl.
Bei einer Mahlzeit.
Bei meinem Körper.
Bei mir.
Ich habe gelernt, dass ich nicht jede Sehnsucht stillen muss, um sie auszuhalten.
Dass ich traurig sein darf, ohne mich zu verlieren.
Dass Liebe nicht bedeuten muss, mich selbst aufzugeben.
Dass Freude nicht gefährlich ist.
Dass Genuss nicht bestraft werden muss.
Dass mein Körper kein Ort ist, gegen den ich kämpfen muss.
Und irgendwann begann etwas zurückzukommen, von dem ich gar nicht mehr wusste, wie sehr es mir gefehlt hatte:
Leben.
Nicht das große, glänzende Leben aus irgendwelchen Geschichten.
Mein Leben.
Mit all seinen Wellen.
Mit Liebe und Sehnsucht.
Mit Freundschaft und Einsamkeit.
Mit Lachen und Tränen.
Mit Nähe und Abstand.
Mit Angst und Mut.
Mit Tagen, an denen alles leicht ist.
Und mit Tagen, an denen ich mich wieder neu für mich entscheiden muss.
Heute sitze ich am Meer.
Der Wind streicht über meine Haut.
Das Wasser bewegt sich vor mir.
Ich gehe barfuß durch die Wellen und spüre das Salz, die Kälte, den Sand unter meinen Füßen….Bearbeitet · 4 Tage
…Und plötzlich könnte ich weinen.
Nicht, weil ich traurig bin.
Sondern weil ich für einen Moment ganz deutlich spüre:
Ich bin hier.
Ich bin wirklich hier.
Ich reise allein.
Ich sitze am Meer.
Ich esse.
Ich genieße.
Ich liebe.
Ich lasse Menschen an mich heran.
Ich lasse Menschen wieder gehen.
Ich kann Sehnsucht fühlen und trotzdem bei mir bleiben.
Ich kann glücklich sein, ohne Angst davor zu haben, dass ich es wieder verliere.
Und ich kann all das gleichzeitig halten.
Vielleicht ist Heilung genau das:
Nicht, irgendwann nichts Schweres mehr zu fühlen.
Sondern immer mehr vom Leben fühlen zu können.
Mit offenen Augen.
Mit offenem Herzen.
Mit allen Sinnen.
Das Leben schmecken.
Darum möchte ich meine Geschichte teilen.
Nicht als Anleitung.
Nicht als Versprechen, dass es einfach wird.
Und auch nicht, weil ich am Ziel angekommen bin.
Sondern weil ich weiß, dass es einen Weg geben kann.
Einen Weg zurück.
Zu sich selbst.
Zum eigenen Körper.
Zum eigenen Leben.
Zu dem Moment, in dem man morgens aufwacht und nicht mehr zuerst darüber nachdenkt, wie man den Tag übersteht.
Sondern darüber, was man mit ihm anfangen möchte.
Hier werde ich meine Geschichte erzählen.
Von Anfang an.
Mit den Worten, die ich damals gefunden habe.
Ungeschönt.
Ehrlich.
Manchmal dunkel.
Manchmal leicht.
Und hoffentlich irgendwann voller Licht.
Mit #Tag1 beginnt meine Geschichte.
Vielleicht liest hier irgendwann eine Frau mit, die gerade dort steht, wo ich einmal stand.
Dann möchte ich ihr nur eines sagen:
Du musst heute noch nicht wissen, wie dein ganzes Leben aussehen wird.
Vielleicht reicht es, dich heute zu trauen, einen kleinen Schritt zu gehen.
Ich bin ihn gegangen.
Und irgendwo auf diesem Weg habe ich wieder angefangen,
das Leben zu schmecken.