Memo an mich selbst

Für das Mädchen im Schulalter. 🤍

#Tag 747 September 06, 2026

Du warst schon damals ein sehr nachdenkliches Mädchen.

Du hast dir vieles zu Herzen genommen.
Du hattest feine Antennen für die Stimmung anderer Menschen.
Für Blicke.
Für Worte.
Für das, was andere über dich dachten.

Und vielleicht hast du deshalb auch Worte besonders tief in dich aufgenommen.

Ich erinnere mich an Worte einer Lehrerin.

„Du bist ein hübsches Mädchen. Du hast eine schöne Figur. Aber pass gut auf – später wirst du einmal richtig Probleme mit deiner Figur bekommen.“

Du warst damals noch ein Kind.

Und trotzdem wurden diese Worte irgendwo in deinem Kopf abgelegt.

Du bist jetzt richtig.
Aber pass auf.

Du bist jetzt gut.
Aber das könnte sich ändern.

Irgendwann könntest du zu dick sein.
Irgendwann könnte dein Körper nicht mehr gut genug sein.
Also musst du aufpassen.

Was macht so ein Satz mit einem Mädchen, das ohnehin wenig Selbstvertrauen hat?

Mit einem Mädchen, das sich selbst schon so kritisch betrachtet?

Mit einem Mädchen, das alles fühlt und sich vieles zu Herzen nimmt?

Vielleicht merkt man in diesem Moment noch gar nicht, was man damit anrichtet.

Aber manche Worte verschwinden nicht einfach.

Sie werden zu Gedanken.
Gedanken werden zu Überzeugungen.
Und irgendwann werden Überzeugungen zu einer Stimme im eigenen Kopf.

Eine Stimme, die sagt:

Du bist nur dann richtig, wenn dein Körper richtig ist.

Du musst aufpassen.

Du darfst nicht zunehmen.

Du bist nicht gut genug, wenn du dich veränderst.

Und irgendwann wurde diese Stimme lauter.

Viel lauter.

Ich möchte nicht behaupten, dass ein einziger Satz meine spätere Geschichte verursacht hat.

So einfach ist es nicht.

Aber ich weiß heute, dass solche Worte Spuren hinterlassen können.

Und wenn ein Kind bereits mit Ängsten, Unsicherheit und einem sehr kritischen Blick auf sich selbst durchs Leben geht, dann können solche Spuren tief gehen.

Sehr tief.

Meine Geschichte mit Essstörungen, Alkohol und Sucht begann nicht mit diesem einen Satz.

Aber irgendwann wurde aus dem Wunsch, „aufzupassen“, ein Kampf gegen mich selbst.

Gegen meinen Körper.
Gegen meine Gefühle.
Gegen all das, was in mir wehgetan hat.

Ich habe lange versucht, Kontrolle zu finden.

Und habe mich dabei immer weiter von mir selbst entfernt.

Heute sehe ich dieses Mädchen anders.

Ich sehe nicht das Mädchen, das hätte „besser aufpassen“ müssen.

Ich sehe ein Kind, das jemanden gebraucht hätte, der ihm sagt:

Du bist schon richtig.

Nicht wegen deiner Figur.

Nicht wegen deines Aussehens.

Nicht wegen dessen, was andere über dich denken.

Einfach, weil du du bist.

Und ich wünschte, jemand hätte dir damals gesagt:

Du musst keine Angst vor deinem zukünftigen Körper haben.

Du musst dich nicht kleiner machen.

Du musst nicht perfekt sein.

Du musst niemandem beweisen, dass du wertvoll bist.

Und vor allem:

Du bist nicht dafür verantwortlich, die Ängste und Vorstellungen anderer Menschen über deinen Körper zu tragen.

Heute möchte ich dir diese Verantwortung zurückgeben.

Sie gehört nicht dir.

Und wenn ich dich heute ansehe, dann möchte ich dir nicht sagen:

„Pass auf.“

Ich möchte dir sagen:

„Leb.“

„Fühl.“

„Sei du.“

Und wenn diese alte Stimme heute noch manchmal auftaucht, dann weiß ich:

Sie gehört nicht der Wahrheit.

Sie gehört zu einer Geschichte, die ich lange geglaubt habe.

Aber ich muss sie nicht mehr weiterschreiben.

Denn heute bin ich da.
Und heute passe ich nicht mehr gegen mich auf.
Heute passe ich auf mich auf.
❤️

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