#Tag 772

Ich glaube, ich habe lange gedacht, ich müsste erst etwas leisten, um wertvoll zu sein.

Stark sein. Durchhalten. Funktionieren.

Und irgendwann wurde auch meine Genesung ein Stück weit zu etwas, an dem ich meinen Wert festgemacht habe. Ich war stolz auf jeden Tag, den ich ohne Alkohol geschafft hatte. Auf jeden Tag ohne Exzesse. Auf jeden kleinen Schritt weg von meinen Süchten.

Ich habe die Tage gezählt. Und jeder weitere Tag fühlte sich ein bisschen wie ein Beweis an:
Ich kann das. Ich schaffe das. Ich komme da raus.

Und ja! Darauf darf ich stolz sein. Jeden einzelnen Tag.

Auf all die kleinen Schritte. Auf die Tage, an denen es leicht war. Aber vor allem auf die, an denen es schwer war und ich trotzdem geblieben bin.

Ich bin stolz auf den Mensch, der ich heute bin.
Und ich möchte mir diesen Stolz auch nicht nehmen lassen.

Aber mit der Zeit habe ich verstanden:
Meine Erfolge sind ein Teil meiner Geschichte. Sie machen mich aber nicht erst wertvoll.

Meine Nüchternheit ist ein Teil von mir.
Meine Genesung ist ein Teil von mir.
Meine Stärke ist ein Teil von mir.

Aber mein Wert ist so viel größer als all das.

Mein Wert beginnt nicht bei meiner Nüchternheit.
Und er endet auch nicht an einem schlechten Tag.

Ich bin nicht wertvoll, weil ich etwas geschafft habe.
Ich bin wertvoll, weil ich ich bin.

Und vielleicht gilt das nicht nur für mich.
Wir alle sind wertvoll, einfach weil wir wir sind.

Vielleicht ist genau das ein Teil von Heilung:
nicht mehr ständig beweisen zu müssen, dass man es wert ist, geliebt zu werden.

Sondern irgendwann ganz leise zu spüren:
„Ich darf einfach sein.“

Mit unserer Geschichte.
Mit allem, was hinter uns liegt.
Mit unseren starken und unseren schwachen Seiten.

Und vielleicht müssen wir unseren Wert gar nicht mehr beweisen.
Vielleicht dürfen wir einfach darauf vertrauen, dass die richtigen Menschen ihn fühlen. ❤️

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