#Tag 807
Ich bin kein Vielleichtmensch.
Und vielleicht möchte ich auch keinen Vielleichtmenschen mehr an meiner Seite.
Lange dachte ich, Liebe bedeutet, geduldig zu sein. Zu bleiben, statt zu gehen. Noch ein Gespräch zu führen, noch einmal zu erklären, was ich brauche. Noch ein bisschen mehr Verständnis aufzubringen, noch ein bisschen länger zu warten.
Ich möchte nie wieder neben einem Menschen liegen und mich fragen, ob er mich wirklich will.
Nie wieder jedes Wort analysieren, jedes Zeichen romantisieren und jedes Schweigen interpretieren. Nie wieder versuchen, mir einzureden, dass jemand einfach nur Zeit braucht, während ich selbst längst daran zerbreche, auf ein bisschen Eindeutigkeit zu warten.
Denn ich bin kein Vielleichtmensch.
Wenn ich liebe, dann liebe ich mit offenem Herzen. Laut, lebendig und voller Neugier. Ich stelle Fragen. Viele Fragen. Ich möchte wissen, wer du bist. Woher du kommst. Welche Menschen dich geprägt haben, welche Momente dich verändert haben und welche Geschichten du in dir trägst.
Ich möchte wissen, was dich nachts wach hält, wofür du brennst und wovon du träumst. Ich möchte deine größten Träume kennen, nicht um zu fragen, ob sie realistisch sind, sondern um mit dir darüber nachzudenken, wie sie Wirklichkeit werden könnten.
Ich merke mir die kleinen Dinge. Ich freue mich auf dich. Ich vermisse dich. Ich möchte dir Nachrichten schicken, weil mich irgendein Lied, ein Gedanke oder ein unscheinbarer Moment an dich erinnert hat.
Ich möchte nicht nur die schönen Ausschnitte deines Lebens kennenlernen. Ich möchte das ganze Leben sehen. Auch die leisen, schwierigen und unvollkommenen Seiten.
Ich möchte wissen, wie dein Tag war. Was dich zum Lachen gebracht hat. Was dich beschäftigt. Was dich vielleicht traurig gemacht hat.
Und lange dachte ich, genau das sei mein Problem.
Dass ich zu viel fühle. Zu viele Fragen stelle. Zu viel Nähe brauche. Zu viel erwarte. Zu viel von mir zeige.
Also habe ich irgendwann versucht, weniger zu sein. Weniger zu fragen, weniger zu hoffen, weniger zu zeigen, weniger zu fühlen. Ich habe versucht, meine Sehnsucht kleiner zu machen, damit sie niemanden überfordert. Habe meine Bedürfnisse zurückgestellt, damit jemand bleibt.
Aber vielleicht war ich nie zu viel. Vielleicht war ich nur zu oft bei Menschen, die mir nicht das geben konnten oder wollten, wonach ich gesucht habe.
Ich wünsche mir keinen Menschen, der erst abwägen muss, ob ich es wert bin, sich für mich zu entscheiden. Ich wünsche mir jemanden, dessen Nähe sich nicht wie eine Belohnung anfühlt und dessen Gefühle ich nicht zwischen den Zeilen suchen muss.
Und ja, heute habe ich mehr Mauern als früher.
Manche Menschen haben aus meiner Offenheit Zweifel gemacht. Aus meinem Vertrauen Vorsicht. Aus meiner Unbeschwertheit die Angst, mich noch einmal so verletzlich zu zeigen.
Aber ich möchte nicht, dass diejenigen, die mich verletzt haben, darüber bestimmen, wie viel Liebe ich einem Menschen entgegenbringen kann, der gar nicht für diese Mauern verantwortlich ist.
Ich möchte nicht, dass meine Vergangenheit meine Zukunft auf Abstand hält.
Und wenn irgendwann jemand vor diesen Mauern steht, möchte ich den Mut haben, sie nicht einfach höher zu ziehen. Ich möchte mich trauen, wieder ein Stück von mir zu zeigen. Nicht blind. Nicht grenzenlos. Aber offen genug, um eine echte Begegnung überhaupt möglich zu machen.
Vielleicht steht irgendwann ein Mensch vor mir, bei dem ich nicht rätseln muss, welchen Platz ich in seinem Leben habe. Bei dem Worte und Handlungen zusammenpassen. Bei dem Nähe keine Unsicherheit auslöst und ich nicht ständig überlegen muss, ob ich gerade zu viel oder zu wenig bin.
Und vielleicht erkenne ich dann, dass Liebe gar nicht so kompliziert sein muss.
Dass ich nicht kämpfen muss, um gesehen zu werden. Nicht leiser werden muss, um bleiben zu dürfen. Und nicht meine Sehnsucht verstecken muss, um liebenswert zu sein.
Denn nicht jeder Mensch, den wir in unser Herz lassen, wird der Grund für neue Mauern sein.
Manche Menschen kommen vielleicht, um uns zu zeigen, dass wir sie gar nicht mehr brauchen.
Und bis dahin möchte ich eines nicht vergessen: Ich muss nicht aufhören, intensiv zu lieben. Ich darf nur aufhören, mich dabei selbst zu verlieren. 🤍