#Tag 749

Über die Zeit, die ich der Sucht geschenkt habe. 🤍

Über 20 Jahre.

Wenn ich diese Zahl ausspreche,
fühlt sie sich manchmal unglaublich groß an.

Mehr als 20 Jahre.

20 Jahre, in denen die Sucht immer wieder Raum in meinem Leben eingenommen hat.

Zeit, die ich ihr gegeben habe.

Meine Gedanken.
Meine Kraft.
Meine Aufmerksamkeit.
Meine Freiheit.

Tage, an denen sich alles nur darum drehte,
was ich essen durfte oder nicht essen durfte.

Was ich wieder loswerden musste.

Wie ich meinen Körper kontrollieren konnte.

Wie ich Gefühle betäuben konnte.

Wie ich den nächsten Tag irgendwie überstehen würde.

Und irgendwann kam Alkohol dazu.

Oder vielleicht war er auch einfach nur eine andere Möglichkeit,
nicht fühlen zu müssen, was eigentlich gefühlt werden wollte.

Wenn ich heute zurückblicke,
könnte ich traurig werden über all die Zeit.

Über Jahre, die ich anders hätte verbringen können.

Über Momente, die ich nicht erlebt habe.

Über Menschen, bei denen ich nicht wirklich da war,
obwohl ich körperlich anwesend war.

Über all die Male,
in denen ich mich selbst verloren habe.

Aber ich möchte nicht mehr gegen meine Vergangenheit kämpfen.

Denn diese über 20 Jahre waren nicht einfach nur verlorene Zeit.

Sie waren auch meine Geschichte.

Eine Geschichte von einem Mädchen,
das irgendwann gelernt hatte, sich selbst nicht zu vertrauen.

Von einer jungen Frau,
die versucht hat, mit ihren Gefühlen zurechtzukommen
und dabei Wege gefunden hat, die sie immer weiter von sich selbst weggeführt haben.

Und von einer Frau,
die irgendwann angefangen hat, zurückzukommen.

Zu sich.

Zu ihrem Körper.

Zu ihrem Leben.

Heute kann ich die Zeit nicht zurückholen.

Ich kann nicht noch einmal 20 Jahre alt sein.

Ich kann nicht die Tage zurückgeben,
die die Sucht bekommen hat.

Aber ich kann entscheiden, wem meine Zeit heute gehört.

Und plötzlich bekommt Zeit eine ganz andere Bedeutung.

Ich möchte sie nicht mehr zählen
in verlorenen Jahren.

Ich möchte sie zählen in:

Morgen, an denen ich aufwache und wirklich da bin.

In Essen, das ich genießen darf.

In Gesprächen, bei denen ich nicht mit einem Teil meiner Gedanken woanders bin.

In Menschen, die ich liebe.

In Lachen.

In kleinen Momenten.

In Freiheit.

In Leben.

Vielleicht ist das das Schönste daran,
dass ich heute zurückblicken kann:

Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern.
Aber ich kann verhindern, dass sie mir auch noch meine Zukunft nimmt.

Und deshalb schenke ich meine Zeit heute nicht mehr der Sucht.

Ich schenke sie mir. 🤍

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