Tag 53 – 10.10.2024

Ich bin immer noch in den USA, und gestern hatte ich einen kleinen Rückfall. Klein, weil das Ausmaß bei weitem nicht so war, wie noch vor zwei Monaten, aber es war ein Rückfall, weil – zumindest kurz vorher – geplant.

Ich verliere hier das Gefühl für Raum und Zeit, ich habe keine 100%ige Kontrolle über den Tagesablauf, ich kann mich hier nicht so bewegen wie zu Hause, ich kann hier nicht so essen wie zu Hause, und dann ist da mein Freund, dem ich zuliebe Dinge mitmache, die mir zuviel sind. Das ist kein super deutliches Gefühl von „halt!Stop! Ich brauche gerade etwas anderes“, sondern mehr eine Ahnung, die in den letzten zwei Tagen in mir geschlummert hat.
Es hat vorgestern schon angefangen, mit einer ellenlangen Autofahrt von fast vier Stunden, einfach nur um ein paar Schuhe für ihn zu kaufen, wir wollten eigentlich danach schieße gehen, aber mein Freund hat aus Versehen einen mega Umweg genommen, so dass wir in den schlimmsten Berufsverkehr ever gekommen wären, wären wir weiter gefahren. Also sind wir nach Hause gefahren. es war nachmittag, zu spät um in die Berge zu fahren, die denkbar schlechteste Zeit fürs Fitnessstudio (nachmittags super voll und ungemütlich), und mit dem Hund hier im Örtchen rauszugehen, ist auch nicht der mega Bringer.
Ich hatte also gedacht, dass ich die Zeit nutzen kann, um bei Target was für Bela zu kaufen. Target ist für eine bulimische Person ein Alptraum, ich hab das in dem Moment aber verdrängt. Ich war gar nicht richtig bei mir. Das Problem ist, dass ich das in dem Moment nicht gesehen habe, oder nicht sehen konnte. Schon auf dieser Autofahrt am vormittag habe ich sehr deutlich gemerkt, wie mir alles zuviel war. Ich hatte am Nachmittag keine gute Alternative, ich habe mich hier gefangen gefühlt. Auch jetzt wüsste ich nicht, was ich hätte anders machen sollen. Zu Hause wäre ich mit Akita eine große Runde gelaufen oder wäre ins Fitnessstudio gegangen. Hier habe ich wirklich manchmal das Gefühl ich bin gefangen, ich kann mich nicht so bewegen, wie es mir gut tun würde.

Ich bin also nach Target gefahren, die direkt am Eingang eine riesige Auswahl an frischem Kuchen haben (mein Endgegner), und ich habe drei verschiedene mitgenommen. Noch auf der Rückfahrt habe ich angefangen, von dem einen Kuchen zu essen, konnte aber noch aufhören. Ich hätte den Kuchen direkt wegschmeißen sollen. Dann kommen aber wieder die Ausreden in meinen Kopf: das ist Geldverschwendung, ein bisschen was kann ich ja zwischendurch essen und wieder aufhören, den Rest bringe ich Bela mit….ich hätte den Rest einfach wegschmeißen sollen. Ich hatte den Kuchen nun aber in meiner großen Tasche (versteckt!!!) im Kleiderschrank.
Am nächsten Tag – gestern – wollte ich unbedingt in die Berge fahren, ich habe mich richtig gesehnt nach Bewegung an der frischen Luft in der Natur.
Mein Freund war nicht begeistert von dem Plan. Er wollte unbedingt mit mir schießen gehen, das hatten wir bis dato nun schon tagelang versucht. Und ich habe mich in dem Moment nicht getraut, durchzusetzen was mir viel besser getan hätte. Ich wollte ihm den Gefallen tun. Ich hab also meine Bedürfnisse ausgeschaltet und funktioniert.
Als wir dann nachmittags zu Hause waren, war ich völlig ausgehungert, und mental auch todmüde. Da war es einfach schon viel zu spät. Wir haben Essen bestellt, und während wir gewartet haben, habe ich heimlich was von dem Kuchen gegessen, mit dem festen Vorhaben, das ganze nach dem Essen wieder auszukotzen. Was ich dann letztendlich auch getan habe. Natürlich heimlich. Mein Freund hat nichts davon mitbekommen.

Ich weiß noch nicht so genau, was ich daraus mitnehmen soll, außer: ich bin für eine fremde Umgebung – und diese Umgebung ist SEHR fremd – vielleicht noch nicht stabil genug. Ich bin Stück für Stück über meine Grenzen gegangen, ohne mich zwischendurch regulieren zu könne. Seit Tagen ärgert es mich zum Beispiel, dass wir uns nicht – wie sonst – mehr bewegen.
Jetzt gerade bin ich, was die Bulimie betrifft froh, dass ich am Samstag wieder nach Hause fliege. ich brauche gerade ganz dringend meine Struktur, meinen Alltag, Ruhe. Und gleichzeitig habe ich auch Angst davor, denn ich werde einige Zeit brauchen, um mich von der Zeitumstellung zu erholen, und ich werde meinen Freund nach den intensiven letzten Tagen sehr vermissen.

Diese Beziehung ist in mancher Hinsicht nicht wirklich gut für mich, das weiß ich. Die Rahmenbedingungen geben mir – zumindest momentan – nicht genügend Stabilität, die ich gerade so dringend bräuchte.
Und gleichzeitig liebe ich diese Mann, und die Vorstellung diese Beziehung deshalb zu beenden, ist für mich grausamer als alles andere. Das ist ein echtes Dilemma was ich habe.
Ich fühle mich gerade sehr unsicher und ängstlich, ich hab das Gefühl, ich kann mir selber nicht mehr trauen. Ich wusste vorher, dass eine solche Situation die größte Herausforderung wird, denn es ist jetzt super einfach, in die scheißegal-Haltung zu fallen.
Ich will versuchen jetzt weiterzumachen. Noch habe ich aber das Gefühl, irgendwo im luftleeren Raum zu schweben und den halt verloren zu haben.
Ich hoffe, dass das Projekt Podcast mir beim weitermachen hilft.

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