26.08.2024 – Tag 9

Habe alle Herausforderungen von gestern gemeistert, und bin sehr dankbar dafür, dass alles gut geklappt hat. Ich merke, wie ich innerlich ausgeglichener werde. Gestern war auch die erste Nacht seit einer Woche, in der ich gut geschlafen hab. Puh. Das erleichtert mich.

Schlechter Schlaf ist auf Dauer auf jeden Fall ein Trigger für mich…und seit ich abstinent bin, verteidige ich meinen Schlaf bis aufs Äußerste. Überhaupt musste ich feststellen: ich bin ein absoluter Morgen-Mensch! Früher dachte ich, ich wäre das Gegenteil. Stimmt aber gar nicht (naja, wenn man jeden Tag verkatert aufwacht, dann hat das wohl weniger mit der „doofen“ Tageszeit zu tun)!
Ich liebe den Morgen, wenn ich unverkatert, noch voller Energie meinen Tag starten kann, und alles noch so schön ruhig ist…

heute ist zwar schon mein tag 9, aber heute fangen wir offiziell mit „unsere“ Programm an. Die nächsten 30 tage wollen wir uns jeden Tag mit einer Schreibaufgabe beschäftigen. Ohne Druck Romane schrieben zu müssen. Es geht primär um die Regelmäßigkeit, und dass wir uns jeden Tag, zumindest etwas, mit unserem Thema auseinandersetzen. Raus aus der Verdrängung, Dinge ans Licht bringen.

Warum möchte ich die Bulimie nun endgültig loslassen?

Sie hält mich vom Leben ab. Sie steht zwischen mir und den Menschen, die ich liebe. Ich bin zwar körperlich da – aber ganz oft nicht wirklich anwesend, sondern plane im Kopf schon meine nächste Fressorgie. Oder verarbeite die letzte. Oder nehme mir verkrampft vor, es nie wieder zu tun.
Außerdem führt das ganze Verdrängen und Verstecken dazu, dass meine Gefühle abstumpfen. Die Bulimie steht also auch zwischen mir und meinen echten Gefühlen. Sie legt sich wie eine luftdichte Decke über meine Gefühlswelt, so dass ich „gefühlt“ nicht atmen kann.
Etwas an Gefühl bringt sie allerdings selber mit, und das verschwindet wiederum nicht unter der Decke: Scham und Schuld. Die dürfen draußen bleiben, und atmen und wachsen. Das will ich nicht mehr.
Ich möchte echtes Leben, mit allem was dazu gehört. Mit echter Freude, echtem Glück, aber auch mit echter Trauer. Ich möchte echte Verbindungen, Beziehungen, wo man sich ganz und gar auf den anderen einlassen kann, ohne Ablenkung.

Außerdem bedeutet Bulimie eine wahnsinnig hohe finanzielle Belastung. ich glaube, das können sich Außensteheden nicht so richtig vorstellen…aber es gab OFT Tage, an denen ich gezielt einkaufen gegangen bin, alles in den Wagen gelegt habe, was ich mir sonst verbiete, und nicht selten 50€ für Lebensmittel bezahlt habe, die ich im Anschluss wieder komplett im Klo versenkt habe. An richtig „guten“ Tagen, habe ich abends noch beim Lieferdienst hinterher bestellt. Für weitere 30€. Das wurde mit der Zeit zu einem riesigen Problem.
Nun habe ich einen Job, in dem ich ganz gutes Geld verdiene, und ich bin so gerade in der Lage, meine Rechnungen zu bezahlen. Ich war nie in der Lage, mir einen vernünftigen finanziellen Puffer zu bilden, geschweige denn genug für meine Altersvorsorge zu machen. Wenn ich das so aufschreibe, bekomme ich Herzklopfen und ich merke, wie die Panik sich breitmachen möchte….DAS MÖCHTE ICH NICHT MEHR! Ich möchte nicht nur emotional, sondern genauso finanziell frei werden. Und bitte: damit meine ich nicht, dass ich „reich“ werden möchte. Ich möchte einfach nur wieder gut schlafen können, wenn ich an meine finanzielle Situation denke.

Ein weiterer Aspekt ist die Zeit. Auch hier glaube ich, dass sich Außenstehende nicht vorstellen können, was diese Krankheit für einen Zeitaufwand bedeutet. Angefangen von der Frage: wie bekomme ich es zwischen den nächsten beiden Terminen hin, einzukaufen, alles zu essen, komplett auszukotzen, wieder aufzuräumen (Ellen sagte so schön: den Tatort reinigen), und mich selber einigermaßen wieder fit zu kriegen, so dass mir niemand etwas anmerkt? Und das Ganze oft mehrmals am Tag!
Je mehr Abstand ich zur Bulimie bekomme, desto mehr stelle ich mir die Frage: wie um alles in der Welt, habe ich das so lange hinbekommen?? Die Bulimie alleine ist ein Vollzeitjob. Wo habe ich die ganze Energie hergenommen? Warum wundere ich mich eigentlich darüber, wenn ich zwischendurch die totale Erschöpfung spüre?
Ich deckele mein Potenzial so dermaßen. Und dabei will ich es endlich entfalten. So viel Energie, die so viel besser eingesetzt werden kann.

Es würden mir noch tausend Grü0ne mehr einfallen. Aber das sind für den Moment erstmal die wichtigsten…und ich glaube, das reicht bei weitem schon aus.

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