#Tag 766
Vielleicht war es nie nur die Sucht.

Ich habe lange gedacht, meine größten Herausforderungen wären Alkohol und Essstörung.
Fast drei Jahre ohne Alkohol.
Über zwei Jahre ohne Essstörung.
Ich habe gelernt, auf Alkohol zu verzichten.
Und ich habe gelernt, mit etwas umzugehen, auf das ich niemals verzichten kann: Essen.
Aber dann habe ich etwas verstanden, das mich selbst überrascht hat.
Vielleicht ist die eigentliche Herausforderung nicht immer die Substanz.
Vielleicht ist es das, wonach wir darunter suchen.
Nach Beruhigung.
Nach Nähe.
Nach Trost.
Nach dem Gefühl, gesehen zu werden.
Nach dem Gefühl, wichtig zu sein.
Nach diesem einen Menschen, der uns das gibt, wonach wir uns so lange gesehnt haben.
Und manchmal suchen wir dieses Gefühl in einem anderen Menschen.
Wir sehen das Gute in ihm.
Wir sehen sein verletztes Inneres.
Wir sehen Möglichkeiten, die vielleicht gar nicht seine Realität sind.
Wir halten an einzelnen schönen Momenten fest und machen daraus eine Hoffnung.
Nicht, weil wir naiv sind.
Sondern weil wir lieben.
Weil wir tief fühlen.
Weil wir glauben möchten, dass das Gute, das wir in einem Menschen sehen, irgendwann auch von ihm selbst erkannt und gelebt wird.
Ich habe mich lange in kurzen Momenten verloren.
Und heute frage ich mich:
War es vielleicht ein ähnliches Muster wie bei meinen Süchten?
Nicht dieselbe Sucht.
Aber eine ähnliche Sehnsucht.
Der Alkohol hat mir für einen Moment gegeben, wonach ich mich innerlich gesehnt habe.
Die Essstörung ebenfalls.
Und vielleicht hat auch diese Verbindung mir für kurze Momente etwas gegeben:
Hoffnung.
Nähe.
Aufregung.
Bestätigung.
Das Gefühl, besonders zu sein.
Bis der nächste Abstand kam.
Und damit die nächste Sehnsucht.
Vielleicht besteht Heilung deshalb nicht nur darin, etwas loszulassen.
Vielleicht besteht Heilung darin, zu verstehen, wonach wir eigentlich gesucht haben.
Denn Menschen kann man nicht einfach aus dem Herzen streichen.
Man kann vermissen.
Man kann lieben.
Man kann sich wünschen, dass es anders gewesen wäre.
Und trotzdem kann man irgendwann sagen:
Ich muss mich nicht mehr selbst verlassen, um die Nähe eines anderen Menschen zu behalten.
Das ist für mich heute ein ganz neuer Gedanke.
Ich möchte nicht weniger fühlen.
Ich möchte nicht weniger lieben.
Ich möchte auch nicht aufhören, das Gute in Menschen zu sehen.
Aber ich möchte lernen, das Gute in einem Menschen zu sehen, ohne deshalb seine Realität zu übersehen.
Ich möchte Hoffnung haben, ohne mich an eine Möglichkeit zu verlieren.
Ich möchte lieben, ohne mich selbst dabei zu verlieren.
Vielleicht ist das eine der schwierigsten Formen von Freiheit:
Nicht mehr alles zu brauchen, was uns kurzfristig vergessen lässt, wie sehr wir eigentlich gesehen werden möchten.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues.
Nicht bei der Frage:
„Wie bekomme ich jemanden aus meinem Kopf?“
Sondern bei der Frage:
„Wie bleibe ich bei mir, auch wenn mein Herz noch an jemandem hängt?“ ❤️🩹🕊️